Wednesday, 06 February 2008

  • Zum Einordnen für diejenigen, die mich nicht so gut kennen: Religion und Glaube ist *das* von mir chronisch unbeackerte Feld in den letzten Jahren. Dabei habe ich immer mal wieder den Eindruck, dass ich schon irgendwie ein spiritueller Mensch bin, und dass es zumindest schön wäre, mich irgendwie positionieren zu können. Es wäre doch irgendwie sehr nett sagen zu können "Das und das glaube ich, und das und das glaube ich nicht." Kann ich aber nicht. Und obwohl ich das seit Jahren weiß, setze ich mich eigentlich auch nicht damit auseinander, weil ich einfach nie den Eindruck habe, dass das Thema jetzt gerade dran wäre. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass es jetzt gerade besonders dran ist (höchstens vielleicht ein bisschen dran). Wenn ich mir also einen Stempel aufdrücken müsste, dann würde ich vermutlich den mit der Aufschrift "lauwarme Agnostikerin" wählen. Ich fühle mich nicht nur agnostisch in dem Sinn, dass für mich die Existenz einer irgendwie gearteten höheren Macht völlig ungeklärt ist, sondern auch noch lauwarm, denn ich bin auch unentschieden, ob das für mich wirklich ungeklärt ist und ob das überhaupt relevant ist.
    Nichtsdestotrotz gehe ich aber gerne in Gottesdienste. Zumindest, wenn schöne Lieder gesungen werden oder die Predigt interessant ist, oder beides. Und ich mag Rituale und ich finde das Abendmahl ist ein ausgesprochen schönes Ritual.



    Gottesdienst in der Calvary Chapel

    So. Die Calvary Chapel ist der Ableger einer amerikanischen Kirche in Budapest, komplett mit importiertem amerikanischem Pfarrer. Die Lieder waren ungarisch, aber die englische Übersetzung wurde per Beamer auf einer Leinwand eingeblendet. Die Predigt war auf englisch (und alle paar Sätze gab es eine Übersetzung ins Ungarische), ich habe also sogar was verstanden. Und ja, also es war einfach völlig anders, als jeder Gottesdienst, den ich aus Deutschland kenne.

    Am bemerkenswertesten fand ich die völlig lockere und heitere Atmosphäre. Das ganze fand in einem alten, etwas heruntergekommenen Kinosaal statt und im Kiosk vor dem Saal wurden vorher und nachher und teils auch während des Gottesdienstes günstig  Getränke und Essen verkauft. Es waren jede Menge Leute da, und sie alle schienen da zu sein, weil sie gerne da waren, es genossen, interessant fanden, nette Leute dort trafen, und kein bisschen nur weil man es eben Sonntags so macht. Im Kinosaal war ein Kommen und Gehen und Sich Unterhalten, auch während des ersten Teils des Gottesdienstes, dem Lobpreis, wo zu rhythmischer Trommelbegleitung eingängige Lieder gesungen wurden. Und das war auch völlig okay so, schien gewollt zu sein, denn die Türen standen sperrangelweit offen.

    Erst zur Predigt wurden dann die Türen geschlossen, man setzte sich hin und hörte zu. Die Predigt nahm dann den gesamten zweiten Teil des Gottesdienstes ein, der insgesamt sicher zwei Stunden gedauert hat, mir aber irgendwie viel kürzer vorkam. Dem Typen konnte man nämlich echt gut zuhören... und die Predigt war nicht nur durchdacht*, sondern auch verständlich formuliert, ohne (für mich) überflüssigen Pathos, dafür aber mit einem guten Schuss Humor. Mehr Humor als ich je in Deutschland in einer Predigt erlebt habe. Und Bodenhaftung, Menschlichkeit.

    Der Pfarrer trug auch keinen Talar, schien nicht als ein abgehobener Repräsentant der Kirche, sondern als ein Gemeindemitglied mit Erfahrungs- und Wissensvorsprung zu sprechen. Total angenehm. Und ich kenne das sonst nur aus der evangelischen Jugend, nicht aus großen Gottesdiensten mit allen möglichen Leuten.

    Was mich allerdings sehr irritiert hat, war die völlige Abwesenheit von Liturgie, von etwas ritualhaftem im Ablauf. Der Ablauf beschränkte sich auf: Erst singen, währenddessen so eine Art Abendmahl, dann ein Gebet, dann Predigt und dann ein abschließendes "finito, you can go now" von Seiten des Pfarrers. Also dieses Ende war mir zu abrupt, und hm.... also ein bisschen Brimborium mag ich wohl doch ganz gerne, den Segen am Schluss habe ich vermisst.

    Vermisst habe ich auch den großen Abendmahlskreis, den ich gewohnt bin, in dem man sich an den Händen fasst und nach und nach aus dem gleichen Kelch trinkt, dieses Gemeinschaftige am Abendmahl. Dort hat sich einfach jeder der wollte irgendwo einen Miniplastikbecher mit Wein geholt und den dann auf seinem Platz runtergekippt, wenn ihm dann der Moment richtig schien. Neee, sorry. Also da bin ich Traditionalistin. Das ist doch kein Abendmahl, also wirklich!

    Zusammenfassend: Ich fand's wirklich sehr interessant, und falls ich je in die Verlegenheit kommen sollte, einen Gottesdienst gestalten zu müssen (ähäm... hust... räusper... okay... das ist unwahrscheinlich ), dann wüsste ich jetzt wieder ein bisschen besser, welche Aspekte ich wie umsetzen wollen würde.

    *Was nicht heißen will, dass ich dem Menschen in jedem Punkt zustimmen konnte, neee, aber durchdacht war es trotzdem.
  • Choose Identity

  • Give eProps (?)

  • Post a Comment

  • Say it with Minis! (?)

  • New! You can now edit your comments for 15 minutes after submitting.

About this Entry

Who recommended?